
Burg Balduinstein
Geschichte der Burg
Die Burg Balduinstein wurde 1319 innerhalb eines Jahres auf Schaumburger Gebiet der verfeindeten Herren von Westerburg als Trutz- und Sperrburg mit ovalem Grundriss auf einem Kalksteinfelsen erbaut, so heißt es. Heute gibt es Zweifel an dieser Darstellung, da das Vorhandensein verschiedener Fischgrätenmuster im Bereich des Palas auf ein bereits vorher bestehendes Gebäude (einen Turm?) hindeuten könnte. Die Existenz einer zuvor bestehenden Talsiedlung wird auch auf der Grundlage weiterer Forschungen vermutet.
Erbaut wurde die Burg von Balduin von Luxemburg (1285–1354), dem einflussreichen Erzbischof und Kurfürsten von Trier (gewählt 1307, geweiht 1308). Schon früh erwies sich Balduin als dynamischer geistlicher und weltlicher Fürst. Ihm gelang die finanzielle Sanierung seines Erzbistums durch Bildung, gute Beziehungen, großen Einfluss, eine aggressive Expansionspolitik und die Etablierung einer geschickten Verwaltung. Er gehörte zu den sieben Kurfürsten, die den König wählen durften und der das Recht auf die Königswahl allein durch die Kurfürsten verteidigte. Er scheute sich auch grundsätzlich nicht vor der Androhung militärischer Gewalt. Sein älterer Bruder Heinrich war von 1308–1313 römisch-deutscher König und von 1312 an Kaiser, was seine politischen Beziehungen weiter stärkte.

Da die Burg Balduinstein als typische Trutzburg auf fremden Gebiet der Herren von Westerburg, die zum damaligen Zeitpunkt auf der Schaumburg residierten, gebaut worden war, kam es am 13. August 1321 zu einem Sühnevertrag auf dem Fürstentag in Bacharach unter König Ludwig den Bayern. Er ermöglichte Balduin den Kauf des Areals der Burg und des Tales mit der Furt (12,5 Morgen) gegen 100 Mark = 23,4 kg Silber. Weiterhin wurden auf dem Fürstentag die Abgrenzungen und Strukturen festgelegt, die Stadtrechte nach Frankfurter Vorbild mit Marktrecht verliehen und weitere Vertragsbedingungen wie freier Zu- und Abgang, Privilegien, hohe und niedere Gerichtsbarkeit festgelegt. Mit ihrer Lage auf einem Felsen unterhalb der Schaumburg in direkter Angrenzung zum Tal wurde die Kontrolle über das Tal und die Furt in der Lahn übernommen. Die Burg selbst wurde 400 Jahre lang unter stetigen Veränderungen genutzt.
Die ersten Abgrenzungen der Stadt umfassen den Bereich der Burgruine auf dem Felsen, die Vorburg jenseits des ursprünglichen Burggrabens mit dem heutigen Kleinen Haus, das die ursprüngliche Toreinfahrt mit angebautem Torhaus (Ostturm) umfasst, und die obere Stadtmauer mit dem Türmchen. Zur Burg selbst führte eine hölzerne Klappbrücke.
Die Burg wurde in den folgenden Jahren und Jahrhunderten um weitere Mauern, Höfe, eine innere und eine äußere Bastion (genutzt als Zwinger) erweitert. Eine Zisterne befand sich möglicherweise schon vor dem Bau der Burg unter dem heutigen Kutscherhaus im sogenannten Kurfürstenkeller. Hinter der oberen Stadtmauer erstreckten sich die 1321 vertraglich vereinbarten Weinberge, von denen ein Teil des Ertrags auch der Wiedergutmachung an die Schaumburg diente. Allerdings erfroren die Stöcke während der Kleinen Eiszeit.
Mit großem Geschick setzte Balduin von Trier Amtmänner zur Verwaltung der Burgen ein. In Balduinstein war das von 1335 bis 1683 die männliche Linie der Ritter von Staffel, denen die Burg als Pfandlehen übertragen worden war. Dietrich von Staffel sicherte 1339 den Ausbau der Burg und die Anlage der Stadt mit Stadtbefestigungen zu. Es folgten mehrere Ausbauphasen (noch heute erkennbar an den Baufugen) des zuerst relativ kleinen Bereiches der Kernburg und der Vorburg um die Bastion, die ehemalige Matthiaskapelle mit Glockenturm, die 1430 geweiht und von 1565 bis 1776 als Pfarrkirche genutzt wurde, eine Stadtmauer bis hinunter zum Judenhaus und dem Tal bis zum oberen Stadttor. Die Glocke aus der Kapelle wurde auf die Bartholomäuskirche im Ort übertragen und ist noch heute Bestandteil des Geläuts.
Juden waren von Erzbischof Balduin bewusst wegen ihrer Finanzkenntnisse und zur Vergabe von Krediten angesiedelt worden und waren seit 1323 bis kurz vor den Pogromen der Pestjahre 1348/49 in der Verwaltung der Burg mit schriftlicher Buchführung betraut. Noch heute sind der Giebel und Mauern des alten Judenhauses sichtbar, in dem sich auch die Weinpresse befand und das zwischenzeitlich als Synagoge diente. Auch eine Mühle war Bestandteil der Stadt, deren Rad vom Holzbach angetrieben wurde.
Eine dritte Erweiterung der Stadtmauer durchzog wohl den Portturm und ein unteres Stadttor. Ein weiterer wesentlicher Ausbau von Burg und Stadt erfolgte nach 1429 unter Wilhelm und Dietrich von Staffel.
Der Verfall der Burg war der Vernachlässigung von Sanierungsarbeiten der jeweiligen Pfandherren geschuldet. So wurden bereits 1553 die Amtleute von Staffel zu notwendigen Reparaturen aufgefordert, verwendeten die dafür bereitgestellte Summe aber offensichtlich anderweitig. Das geschah ebenso 1631, woraufhin aber wieder nichts geschah. Schon 1665 erfolgte daher die Genehmigung, die Burg niederlegen zu lassen. 1678 wurde das Holz entfernt, die Ruine wurde zur Gefährdung für Bewohner und Reisende.
Lange nach der Aufgabe der Burg nutzten die Bewohner der Stadt ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Steine der Burg für eigene Bauten. Zu dieser Zeit war die Burg im Besitz der Freiherren von Eltz-Rübenach. Die übrigen Mauern widerstanden angeblich der Niederlegung sogar durch Sprengung.
Ab 1866 wurde Balduinstein preußisch. Da es in Preußen nach Einwohnerzahl, Größe und Wirtschaftskraft ausgerichtete Rahmenbedingungen für das Recht einer „Stadt“ gab, verlor Balduinstein in der Folge diesen Titel mit den damit einhergehenden Rechten.
1890 erwarb der Industrielle Wilhelm Spies die Burganlage und vererbte sie 1892 seinen drei Töchtern. In der Folge wurden die meisten Grundstücke außerhalb des Kernareals verkauft. Ende des 19. Jahrhunderts entstand auf den Mauerresten und nach der Profanisierung der Kapelle in sonniger Hanglage eine Villa, das heute sogenannte Große Haus. In den Ruinen des Kirchenschiffs wurde eine Zwischendecke eingezogen und zwei weitere Stockwerke mit Verbreiterung Richtung Felsen daraufgesetzt. Bereits 1908 ließ der neue Eigentümer jedoch ein Ecktürmchen (im Nordwesten) wieder entfernen und der Turm bekam eine Dachhaube. Um 1920 bis ca. 1951 gehörte die Burg einem Hüttendirektor, der eine Heizungsanlage in einem Kesselhaus einbauen ließ und einen Autoschuppen im unteren Bereich. Er ließ das letzte Ecktürmchen entfernen und errichtete den geschützten Hauseingang sowie den Balkon daneben. Das Ende dieser Baumaßnahmen markierte er mit der Jahreszahl 1920 im neu aufgetragenen Außenputz, was heute im Allgemeinen zu der Annahme führt, das Große Haus sei zu diesem Zeitpunkt erbaut worden. Es folgten einige Eigentümerwechsel.
Bis 1965 gehörte die Burganlage einem Gastronomen und Hotelier. Er errichtete in der Villa den Hotelbetrieb „Burghotel Kurfürst Balduin“. Um das beschränkte Platzangebot in der Gastronomie des Kurfürstenkellers zu erweitern, baute er 1954 den funktionellen Saal.
1965 ging der Besitz an einen Frankfurter Rechtsanwalt über. Von diesem hatte das Freie Bildungswerk Balduinstein 1974 zunächst das Areal gemietet und dann 1979 gekauft. Allerdings waren erhebliche Sanierungsmaßnahmen erforderlich, bevor die Burg seitdem als Unterbringungsmöglichkeit vorwiegend durch Jugendgruppen genutzt werden konnte.
Costa erinnert sich: „Als der Verein in den siebziger Jahren auf das Grundstück Burg Balduinstein zog, brachten einige Mitglieder eigene aktive Jungengruppen mit. Selbst die Jüngsten haben mitgearbeitet. Ich selbst war noch nicht dabei. Aber aus Erzählungen weiß ich, dass das Haupthaus in einem sehr schlechten Zustand war – sowohl baulich als auch in der Form, dass sehr viel Müll rausgeschafft werden musste. Unter anderem gab es ein Drei-Kammer-System für WC und andere Abwässer des Hauses. Diese drei Kammern waren zugemüllt und mussten erst mal gesäubert werden, damit sie weiter funktionieren konnten. Das Drei-Kammer-System bestand bis Ende der 1990er Jahre.
Funktionierende Duschen gab es nicht. Damit sich die Arbeiter gescheit waschen konnten, hatte „Hund“ eine Wasserleitung auf dem Platz vor dem roten Zimmer verlegt. Dort konnte man dann also im Freien duschen.
Beim ersten Öffnen der Tür des Felsenraumes konnte man vor lauter Gerümpel den eigentlichen Charme und Charakter des Raumes noch nicht erkennen.
Insgesamt muss die erste Zeit für alle Beteiligten ein Abenteuer und eine Entdeckungsfahrt durchs Haus gewesen sein. Aber eben auch sehr viel Arbeit bis alles nach und nach hergerichtet, ausgebaut und verschönert war.“
Die von 1991 bis 2005 sanierte Ruine mit ovalem Grundriss weist einige Besonderheiten wie einen steinernen Abtritt oder (leider zum Erhalt versiegelte) kostbare Wandmalereien auf.
Auf dem Gelände der Burg befinden sich heute einige interessante Skulpturen unterschiedlicher Herkunft.
Burgführungen werden durch den Verein in der Regel zweimal jährlich und zusätzlich bei einigen Veranstaltungen und auf Nachfrage angeboten, um der Öffentlichkeit eine Besichtigung der ansonsten nicht zugänglichen privaten Burganlage zu ermöglichen. Das Betreten der Ruine erfolgt auf eigene Gefahr. Kinder dürfen die Anlage nur unter Aufsicht von Erwachsenen betreten.
Quellen und weiterführende Literatur:
Balduinsteiner Blätter (unter anderem mit Artikeln von Klaus Bingenheimer, Franz-Josef Bode, Willi Bode, Dr. Friedhelm Burgard, Lorenz Frank, Dr. Heinrich Schäfer und anderen), Band 1-4, ebd.
Bode, Willi: Bau und Verfall der Burg Balduinstein. Burg Balduinstein im Laufe der Jahrhunderte. In: Balduinsteiner Blätter 2019, Band 4, Ortsgemeinde Balduinstein und Heimatverein Balduinstein e.V.
Bode, Willi: Balduinstein. Heimatkundliche Buchreihe zum östlichen Rheinischen Schiefergebirge, Band 4, Weilburg 2012.
Bode, Willi: Juden in Balduinstein. Eine Trilogie. Jüdisches Leben im Nassauer Land Band 1, 2020.
Both, Lisa-Marie: Genese und touristisches Potential der unteren Lahn in Rheinland-Pfalz
Frank, Lorenz: Von der Gegenburg zur Stadtgründung – Balduinstein 1319 bis 1339. In: Balduinsteiner Blätter Band 4.
Friedrich, Reinhard. In: EBIDAT Burgendatenbank
Haufs-Brusberg, Gilbert und Christa: Balduins Burgen. Eine Reise in die kurtrierische Vergangenheit. Trier 1997.
Thon, Alexander, Ulrich, Stefan, Friedhoff, Jens: „Mit starken eisernen Ketten und Riegeln beschlossen…“. Burgen an der Lahn. Regensburg 2008.