jahresrundbrief 2009

die idee, für unseren freundeskreis und für uns selber eine heimat und darüber hinaus eine begegnungsstätte der bündischen jugend zu schaffen, ist nun schon 35 jahre alt. 1974 haben wir die burg balduinstein entdeckt, unter vielen schwierigkeiten erworben und seitdem stetig um-, auf- und ausgebaut. Es war ein langer, beschwerlicher weg, den wir da eingeschlagen haben.

vielen früheren weggefährten war der weg zu lang, zu mühsam oder zu unsicher. einige hatten vielleicht auch andere vorstellungen. man trennte sich in freundschaft.

im laufe der jahre entdeckten viele gruppen die burg für sich und füllten sie mit leben. das ist es, was uns mit stolz und freude erfüllt. alt und jung fanden und finden sich auf der burg im gespräch, beim singen, beim gemeinsamen bauen und beim feiern. am letzten silvesterfeuer stand der 10jährige pimpf neben dem 90 jahre alten gefährten. das ist eine generationsspanne, die nicht überall selbstverständlich und auch nur selten möglich ist.

alle haben wir auf der burg unseren platz. die „alten“ sorgen für die möglichkeiten und schaffen den raum, den die jungen mit leben erfüllen. über fünfzig freundinnen und freunde aus vielen verschiedenen bünden verbrachten den jahreswechsel auf der burg. es wurde viel gesungen und gelacht und gefeiert, und manch tiefes gespräch ließ freundschaften wachsen.

in vier jahren, im oktober 2013, jährt sich zum hundertsten male ein ereignis, das die deutsche jugendbewegung einst zusammengeführt hat:
das treffen auf dem Hohen Meißner 1913.

„Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“

einige tausend menschen trafen sich dort, vor allem aus der noch jungen wandervogelbewegung. pfadfinder spielten in deutschland noch keine große rolle. viele der bünde, die wir heute kennen, gab es damals noch nicht. im laufe der zeit veränderten sich die bünde, lösten sich auf oder teilten sich, sind zusammengewachsen und haben sich zu den gemeinschaften entwickelt, die wir heute kennen. dazwischen lagen zwei große, schreckliche kriege, die die bünde auf grausame weise dezimiert haben. massenweise melden sich die wandervögel begeistert und „freiwillig“ für den kriegsdienst im ersten weltkrieg. „für's vaterland gefallen“ sind tausende, auf den schlachtfeldern von langemarck und von verdun. im zweiten weltkrieg war es auch nicht besser. der nationalsozialismus forderte gleichfalls seine opfer. im ersten weltkrieg war es die erziehung zum völkisch-nationalen denken, die die wandervögel in den tod trieb. im zweiten weltkrieg war es die verblendung und hetze derjenigen, die deutschland als weltmacht sehen wollten. der rassenwahn und das herrenmenschendenken brachte vielen unschuldigen den tod oder die vertreibung aus ihrer heimat.

wir, die wir so viele ferne länder besucht haben, die wir so viele fremde menschen und deren sitten, deren gastfreundschaft kennengelernt haben, wir, die wir verantwortung übernommen haben für die uns anvertrauten jüngeren menschen, wir haben die verpflichtung, dafür zu sorgen, dass sich so etwas nie wiederholen wird! noch sind zeitzeugen unter uns, die aus eigener erfahrung schildern können, was sich damals zugetragen hat. sie sollen und müssen als mahner uns immer wieder daran erinnern, dass wir in die pflicht genommen sind, wachsam zu sein gegenüber all den ideologischen einflüssen, die schon so viel leid über die menschheit gebracht haben.  

seit geraumer zeit schleichen sich gleichsam „wölfe im schafspelz“ in unsere bündische welt. sie kleiden sich wie unsere fahrtengruppen, sie singen unsere lieder, sie tanzen unsere tänze und sie geben vor, ihr leben „nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit“ zu gestalten. schaut man jedoch genauer hin, so ist da keine eigene verantwortung, sondern fremdbestimmtheit – nämlich von erwachsenen gruppierungen, die ein bestimmtes rechtes parteikonzept vertreten und verbreiten wollen, das eben die „guten, alten zeiten“ vom großdeutschen reich wiederbeleben will – voller rassenwahn und fremdenfeindlichkeit, voller verachtung gegenüber denen, die anders denken oder eine andere sprache sprechen und die eine zeit herbeisehnen, in der die braunen kolonnen wieder die welt erobern und am deutschen wesen wieder mal die welt genesen soll.

diese gruppierungen haben in unserer bündischen welt nichts verloren, und wir tun gut daran, wachsam zu sein. es hilft auch nicht, die hand in freundschaft und voller hoffnung auf einsicht auszustrecken. diese geste wird stets missdeutet und missbraucht. diese menschen suchen geradezu kontroverse gespräche und diskussionen, um ihre populistischen argumente unters volk streuen zu dürfen. es hat keinen sinn, mit ihnen zu diskutieren! und sie werden nicht aufhören, junge leute zu vereinnahmen und für ihre menschenverachtenden vorstellungen einzuspannen. gerade die bündische jugend mit ihren traditionen, ihren wertvorstellungen und ihrer bürgertum-kritischen einstellung ist gefährdet.

das ist es, was ich euch in diesem jahr sagen möchte: wir müssen uns einig und gemeinsam dagegen wehren, dass unter dem deckmantel bündischen lebens junge menschen für zweifelhafte politische ziele angeworben und ausgenutzt werden.

auf der burg
im januar 2009
wanja